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Pleasure": Der wohl ehrlichste Pornoindustrie-Film aller Zeiten - fm4.ORF.at

„Pleasure“ ist der erste Spielfilm der schwedischen Regisseurin Ninja Thyberg und erzählt die Geschichte einer jungen Schwedin, die nach L.A. geht, um Pornostar zu werden. Um dort zu überleben, muss sie ausnahmslos alles tun, was von ihr verlangt wird. Im FM4-Interview spricht Hauptdarstellerin Sofia Kappel über die großen Herausforderungen ihrer ersten Filmrolle.

Von Gersin Livia Paya

Was für ein erstaunlicher und wichtiger Film. Es ist der wahrscheinlich ehrlichste Spielfilm, der je über die moderne Pornoindustrie gedreht wurde und das auf eine sehr eindrückliche, und teilweise äußerst unangenehme Art und Weise. Bestimmt muss nicht nur der Vater der jungen Hauptdarstellerin Sofia Kappel bei einigen Szenen wegschauen. Für Zuseher:innen sind die Situationen oft schwer zu ertragen, denn der erste Spielfilm der schwedischen Regisseurin und Drehbuchautorin Ninja Thyberg bietet einen schockierenden (weil realistischen) Einblick in die Pornoindustrie, aus weiblicher Perspektive. Zwar erhält die junge Schwedin, die nach L.A. als „Bella Cherry“ kommt, schnell erste Aufträge, doch das Pornobusiness ist schonungslos.

Wenig Glamour im Porno-Biz

Die junge Frau verlässt ihre Kleinstadt in Schweden, um ein berühmter Pornostar zu werden. Dafür nennt sie sich „Bella Cherry“ und merkt ziemlich schnell, dass sie nur aufsteigen kann, wenn sie beim Fragebogen vor dem Pornodreh alles ankreuzt: „Cumshot“, „Reverse Cowgirl“, „Double Penetration“ und „Rough Scenes“ sind Teil der großen Demütigung und Brutalität, die sie erfährt. Es ist aber auch die Gewalt, die sie anderen Darstellerinnen zufügt, der man nur schmerzverzerrt zusehen kann. Etwa wenn sie mit einem Strap-On-Dildo eine konkurrierende Pornogröße vor laufender Kamera brutal penetriert.

Auch die Pornodarstellerinnen-WG, in die sie einzieht, ist wenig glamourös und oft ein trauriger Anblick. Die Freundschaften, die sie dort schließt, verlieren sich bald im harten Showbiz. Die Profis der Pornobranche zeigen dem Frischfleisch täglich, wie man sich auf das „Geschäft“ vorbereitet, beispielsweise mit der Analdusche vor dem Analsex. Auf dem Weg nach oben opfert Bella diese Solidarität aber ihrem eigenen Aufstieg und fällt den anderen in den Rücken. Außerdem stellt sie sich für immer extremere Drehs zur Verfügung. Etwa BDSM-Dreharbeiten, für die sie ihren Anus mit Butt-Plugs vordehnen muss. Am Ende bleibt der Zusehende alleine mit dem roughen Realismus und muss miterleben, wie selbst die Nettesten der Branche sich zur Horrorshow umwandeln.

Hauptdarstellerin als Einzige ohne Pornoerfahrung

Die Schauspielerin Sofia Kappel, die in „Pleasure“ ihre allererste Filmrolle hat, ist eigentlich die einzige am Set, die keine Pornoerfahrung hat. Andere Darsteller:innen, wie etwa die Branchengröße Mark Spiegler, ein bekannter Agent, spielen sich in „Pleasure“ selbst. Auch der Pornodarsteller Chris Cock, der für die Nische des „Interracial Porn“ gebucht wird, ist dabei. Diese dokumentarisch-fiktionale Überschneidung bringt eine Spannung in den Film hinein, die nahe an der möglichen Wahrheit kratzt.

Die damals noch 19-jährige ist zur Vorbereitung der Rolle für mehrere Monate nach Los Angeles gereist. Dort hat sie Pornosets und Pornoevents besucht, aber vor allem mit Menschen der Pornoindustrie gesprochen und mit der Regisseurin auch zusammen das Skript vorbereitet. „Wir haben vieles umgeschrieben, weil ich noch so jung war“, so Sofia Kappel. In der Vorbereitung hat sie mit Pornodarstellerinnen über ihre Anfänge im Biz gesprochen.

Der Film hat mittlerweile mehrere Awards gewonnen, trägt schon den Cannes-Stempel und ist sogar für den Europäischen Filmpreis als bestes Erstlingswerk nominiert. ‚Pleasure‘ ist eine erstaunlich gute Lehre über den allgemeinen Zustand der Frau und ihre unermüdliche Selbstaufopferung, um ihre Ziele zu erreichen.

Pleasure Filmszene

Im FM4-Interview spricht Hauptdarstellerin Sofia Kappel über die Herausforderungen ihrer ersten Filmrolle.

Gersin Livia Paya: Du spielst ‚Bella Cherry‘, die Hauptdarstellerin in „Pleasure“. Wie ist es überhaupt zu dieser Rolle gekommen?

Sofia Kappel: Ninja hat über ein Jahr nach Darstellerinnen gesucht, ein befreundeter Clubmanager hat in mir gesehen, wonach sie suchte und zu ihr gesagt „Ich hab da jemanden, der hat, wonach du suchst.“ Zu der Zeit war ich in Therapie und habe mich absichtlich durch unangenehme Situationen herausgefordert, ich dachte diese Rolle wäre richtig unangenehm, also „Let’s do it!“.

Ich habe gelesen, dein Vater ist Pfarrer. Ist das wahr? Wie haben deine Eltern auf diesen Film reagiert?

Ja, es ist wahr, mein Vater ist Pfarrer, er hat zwar bei vielen Szenen weg gesehen aber den Film angesehen! Meine Eltern sind beide stolz auf mich. Und meine Familie sind wirkliche Fans, sie posten jedes Interview, sie sind stolz auf mich. Meine Mutter hat, nachdem sie den Film gesehen hat, verstanden, warum mir dieser Film so wichtig ist. Denn die meisten Leute in der Industrie sind nicht so stereotypisch, wie wir es glauben. Wenn du mal einen Einblick bekommst, erkennst du keinen Unterschied mehr. Du kannst nie erraten - wenn du Menschen auf der Straße beobachtest -, wer von ihnen Pornos macht und wer nicht! Deshalb dachte ich von Anfang an, dass dieser Film wichtig ist. Nicht nur für die Menschen in der Pornoindustrie, sondern für Menschen generell.

Wie ist deine weibliche Perspektive auf die Pornoindustrie? Hat sich dein Blick darauf verändert?

Vor dem Film habe ich nie wirklich über Porno nachgedacht, so wie die meisten wahrscheinlich. Ich habe viele eher einseitige Dokus darüber gesehen, die oft davon erzählten, dass Frauen in der Branche unterdrückt, traumatisiert und eher unfreiwillig gelandet sind. Und als ich dann am ersten Tag meines USA-Aufenthalts an einem Pornoset stand, habe ich mich selbst und meine Infos über Porno wirklich hinterfragt. Ich dachte, ich wüsste Bescheid, aber ich hatte absolut keine Ahnung.

Frauen in der Pornoindustrie wissen so viel über patriarchale Strukturen und Machtstrukturen.

Es ist ein Spektrum, es gibt schlimme Seiten aber auch gute Seiten in der Pornoindustrie, nur wir reden nie über die guten Seiten. Es ist ja auch sehr einfach für Medien, sich von Sexarbeiter:innen und Darsteller:innen zu distanzieren und die Industrie zu dehumanisieren.

Du spielst zum ersten Mal in einem Film, mit Porno als Thema. Was in dem Film war Sofia Kappel und was davon ist die Rolle Bella?

Anfangs wusste ich nicht, wer wer ist. Ich wurde immer schneller Bella und der größte Unterschied zwischen uns beiden ist, dass ich persönlich kaum selbstbewusst bin, sie hingegen schon sehr. Ich hab mir was von ihrem Selbstbewusstsein genommen, ich dachte, ich brauche einfach ein bisschen was davon.

Wir sind sehr unterschiedlich, wir sind beide sehr jung aber einige Entscheidungen, die Bella trifft, würde ich nicht treffen. Etwa die Gewalt gegenüber anderen. Und obwohl der Film in der Pornoindustrie spielt, gibt es so viele Parallelen zum echten Leben. So ist es doch auch die Geschichte einer jungen Frau, die in einer männerdominierten Welt lebt. Und wie es für sie ist, Entscheidungen zu treffen die eine Karriere mit Abstrichen bedeuten.

Der Film zeigt sehr harte und gewaltvolle Szenen, wie war das für dich? Wie habt ihr dafür gesorgt, dass ihr euch sicher und wohl fühlt?

Ninja hat sehr dafür gesorgt, dass es mir gut geht. Wir haben die brutalsten Szenen schon Monate vor dem Dreh geprobt. Sie haben mir viele Techniken gezeigt, um die Vergewaltigungsszenen so aussehen zu lassen. Der körperliche Teil dieser Szene war sehr technisch, es war wie eine Choreografie. In Wahrheit war es dann einer der lustigsten Drehtage überhaupt, auch wenn das verrückt klingt. Es ist so technisch und so durchchoreografiert, man macht auch nur kurze Takes, keine langen.

Viel schwieriger waren die emotionalen Szenen für mich, dafür wurden sehr viele Sicherheitsvorkehrungen gesetzt. Und meine beste Freundin wurde extra dafür zum Set eingeflogen, um für mich dabei zu sein.

Da ich keine Erfahrung hatte, musste ich ja irgendwie in jeder Szene etwas finden, mit dem ich mich selbst identifizieren konnte.

Wir hatten auch unsere eigene „geheime“ Sprache, Ninja und ich waren die einzigen, die Schwedisch sprechen. Wenn also etwas war, konnte ich auch ohne andere zu verletzen, mit ihr darüber sprechen. Aber viel schwieriger war es für mich, die Strap-On Szene zu drehen. Davor habe ich sehr lange mit der Darstellerin, die ich in der Szene gewalttätig behandle, gesprochen, auch um klare Grenzen zu setzen. Und jeder durfte zu jedem Zeitpunkt ‚Cut‘ rufen, um die Szenen zu beenden.

Pleasure Interview Szene mit Sofia Kappel

Sehe ich richtig? Hast du dir Bella Cherry auf die Hand tätowiert?

Ja, Ninja und ich haben uns zwei Tage vor dem Dreh den Namen ausgedacht und einen Tag vor dem Dreh haben wir uns beide den Namen tätowiert. Jetzt ist sie immer bei uns.

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